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  • 8. März 2020
  • 9 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 20. Jan. 2025


Kaqpitel I - 2018 Projekt: Selbstversorger

In mir keimte Anfang 2018 der Gedanke das alle Menschen gärtnern sollten. Wieso? Weil ich der Meinung war, dass man durch den Anbau von Gemüse ein Grundbedürfnis befriedigt, das tief in uns schlummert. Überlegt mal was die Menschen Jahrhunderte oder besser gesagt Jahr-tausende lang machen mussten um satt zu werden? Richtig, jagen, fischen, sammeln und später Gemüse kultivieren, diese Tätigkeiten sind Teil der sogenannten Urproduktion. Es ist also schon immer ein Grundbedürfnis gewesen sich seine Nahrung zu beschaffen. Durch Sesshaftigkeit und Landwirtschaft wurde unsere Zivilisation zu einer dominierenden Lebensform auf diesem Planeten. Im Grunde genommen war das was ich für mich entdeckt habe in vergangenen Zeiten eine Selbstverständlichkeit, bis die Menschen angefangen haben die Landwirtschaft zu modernisieren und industrialisieren. Bevor Chemiekonzerne die Agrochemie erfunden haben klappte das mit der Ernährung der Menschheit doch auch. Natürlich gab es auch Hungersnöte, aber die gibt es selbst heute noch. Im Grunde genommen lernt man wirklich frische Erzeugnisse nur durch einen eigenen Gemüsegarten kennen, es sei denn man ist Sternekoch und hat die besten Bezugsquellen direkt vom Erzeuger. Für die breite Masse ist erntefrisch hingegen eine Seltenheit. Auch in Biomärkten erkennt man als Selbstversorger schnell, dass viele Erzeugnisse mehrere Tage alt und keineswegs frisch sind.


Als Webentwickler baue ich seit 20 Jahren Apps, Webseiten und mache das SEO für meine Firma. Informationen über das Internet zu teilen war Teil meines Berufs, also überlegte ich, ob es nicht eine gute Idee wäre das Wissen von meinem Opa und mir über eine Webseite zu tei-len. Naja der erste Gedanke daran wurde auch schnell wieder in die Schublade gesteckt. Wie soll ich das alles nur schaffen: Garten, Familie und mein Unternehmen? Es erschien mir unmöglich alles gemeinsam schaffen zu können. Mit dem Entschluss keine Webseite zu machen, startete ich im Februar mit den ersten Planungen und überlegte mir, wie ich meine Erntesaison verlängern könnte. Klar, ein Gewächshaus musste her, aber die Preise für professionelle Glasgewächshäuser wa-ren sehr hoch. Ich suchte im Internet nach „Do It Yourself“ Gewächs-haus und klickte auf Bildersuche, schnell erblickte ich eine Konstruktion die wie ein Folientunnel aussah und von den Amerikanern als „HoopHouse“ bezeichnet wurde. „Cool“ dachte ich mir, das will ich haben! Damit war das Kernprojekt für 2018 definiert und ich fertigte einige Zeichnungen an, um im März frühzeitig mit dem Projekt starten zu können. Nach meiner ersten Kalkulation lagen die Kosten für ein 15 Quadratmeter Gewächshaus bei unter 200 Euro, die Bauzeit berechnete ich pauschal mit 3 Tagen: Basis, Rahmen, Folie aufziehen. Ich entschloss mich meine Anbaufläche im Vergleich zu 2017 zu verdoppeln. Ich wollte wissen wo meine Grenzen liegen. Was würde ich als „OneManShow“ schaffen, könnte ich mit der Steigerung unsere Zukäufe komplett eliminieren und wirklich ein richtiger Selbstversorger wer-den?


Die Gartensaison startete 2018 am 5. März, ich bereitete einen Teil meiner Ackerfläche vor und legte 2 Tage später die ersten Reihen an. Erbsen und Dicke Bohnen wurden gesät, Zwiebeln und Knoblauch wurden einige Tage später gesteckt. Mitte März ging es dann auch mit dem Vorziehen los, Paprika, Tomaten, Aubergine, Peppino, Physalis, Möhren, Kohlrabi, Zucchini, Artischocken, Spargel, Tomaten und viele weitere Gemüse,- und Kräutersorten wurden in Schalen und Töpfchen gesät. Das zog sich alles bis zum 27. März. Ich setzte die ersten Frühkartoffeln und hatte dann ein paar Tage Zeit, um die nächsten Kulturen vorzubereiten wie zum Beispiel Kürbis, Melone, Gurken, Blumenkohl, Staudensellerie und noch einiges mehr. Eine Liste aller Kräuter und Gemüsesorten, die ich anbaue kommt an späterer Stelle im Kapitel Selbstversorgung. Mein Plan war es vor dem Bau des HoopHouses möglichst viel auf dem Acker angelegt zu bekommen, und in der Wachstumsphase den Bau zu realisieren.


Im April war es dann soweit, während viele Samen gesetzt und die ersten Keimlinge schon zu sehen waren startete ich das Projekt HoopHouse. Aus den geplanten 3 Tagen wurden 7, weil ich das gewünschte Material für die Rundbögen nicht bekommen konnte, aber Mitte April stand das DIY Gewächshaus planmäßig und somit war mein Jahresprojekt zur Erweiterung meiner Erntezeiträume bereits realisiert. Es lief alles wie geschmiert, die Samen keimten, ich legte Stück für Stück den Garten an und alles entwickelte sich prächtig. Doch dann blieb irgend-wann im April der Regen aus, besser gesagt es regnete wenig, zu wenig. Der Regen wollte nicht mehr fallen wie gewohnt. Im Mai machte ich mir die ersten Sorgen. Ich bemerkte das ich ohne Regen einen Vollzeitjob im Garten leisten müsste, um den Sommer zu überstehen. Ich hatte Angst zu versagen. Im Juni blieb der Regen vollständig aus, viele Stunden musste ich täglich im Garten gießen, mulchen, pflanzen, ernten und dann noch die Ernten verarbeiten. Es wurde immer härter. Der Aufwand, alles am Leben zu halten wurde zu einer Tagesaufgabe. Die Trockenheit ging weiter, den ganzen Juni fiel kein Tropfen Regen, aber ich wollte nicht aufgeben. Die Pflanzen offenbarten ihre ersten Schwächeerscheinungen. Brennnesseln und Löwenzahn verwelkten am Gartenrand, Gemüse wie Paprika und Tomaten zeigten Hitzeschäden. Also musste ich anfangen diese zu schattieren, um sie vor der harten Sonne zu schützen. Ich konnte tagsüber immer wieder geschwächte Igel im Garten finden, die ich mit Wasser und Katzenfutter stärken musste damit sie nicht verendeten. Die Vögel in meinem Garten versorgte ich mit kleinen Schalen die ich mit Steinen und Wasser füllte, auch viele Insekten erfreuten sich an den Wasserspendern. Ich realisierte das hier etwas sonderbares vorging! Es fühlte sich so an als würden wir im süd-lichsten Italien leben. Es war heiß und trocken, das Wort Erderwär-mung manifestierte sich bei jedem Gartenrundgang. In den gängigen Medien hingegen zeigte man badefreudige Menschen an Seen und volle Biergärten. „Was wohl die anderen Gärtner und Landwirte zu diesem Phänomen sagen?“ Diese Frage geisterte mir ständig im Kopf herum, also suchte ich nach Antworten. Ich hatte das Gefühl das ich meine Beobachtungen mit anderen teilen müsste, ich hatte das Gefühl das etwas nicht stimmt. Auf einmal kam es mir so vor, als würde ich auf Sizilien leben- dabei stand ich mitten in Deutschland! Dem Land wo der Regen in der Vergangenheit nur selten fehlte…


Da ich aus Zeitmangel keine Webseite realisieren wollte nutzte ich ab Juni 2018 die Sozialen Netzwerke um mich auszutauschen. Auf meine Beobachtungen zur langanhaltenden Trockenheit gab es erstmal kaum Reaktionen. Viel mehr schien es den meisten Menschen durch meine Fragen erst bewusst zu werden das da etwas Ungewöhnliches im Gange war, aber kaum einer sah ein Problem darin. Postings zur Trockenheit waren nicht sonderlich gut gefragt. Es war so als wollten viele Menschen gar nicht darüber nachdenken oder darin ein Problem sehen, ganz nach dem Motto „Kopf in den Sand stecken dann sieht mich auch keiner“. Ich aber sah, wie die Felder immer trockener wurden, die Böden Risse bekamen und Feldkulturen unter dem fehlenden Re-gen litten. Diese Fotos postete ich auf Instagram am 4. Juli, aber es interessierte nicht sonderlich viele. Schöne Bilder wollten die Menschen sehen und keine trockenen Böden. Drei Parzellen neben meinem Grundstück hatte ein Bauer gut 2 Hektar Ackerbohnen stehen, die Pflanzen verkümmerten von Tag zu Tag bis sie irgendwann 14 Tage später braun gebrannt und vertrocknet dastanden. Auch dieses Bild postete ich am 14. Juli, zu dieser Zeit debattierte man in den Socials eher über Flüchtlinge. Verdorrte Felder und sterbende Bäume interessierten keinen. Ich machte mir Sorgen, die Trockenheit hielt an und am 25. Juli waren es bereits 8 Wochen ohne einen Tropfen Regen. Das immergrüne Grundstück meiner Nachbarin war mittlerweile gelb. In der Mitte dieser gelben vertrockneten Wiese stand ein Baum, auch seine Blätter wurden gelb bis er sie dann fallen ließ. In den Socials konnte man ein Freudenfest vernehmen, die Menschen freuten sich über das gute Wetter, die Biergärten waren rappelvoll und auch sonst beklagte sich kaum einer. Im Gegenteil, alle waren glücklich so einen Jahrhundertsommer zu erleben. Ich empfand das als surreal, aber ich hatte keine Zeit mir darum weitere Gedanken zu machen, der Garten war mir wichtiger. Ich lernte immer mehr Menschen kennen die mei-ne Leidenschaft teilten, viele fragten mich wie ich dies mache und das anbaue, ich beantwortete täglich viele Fragen und merkte das ich ganz schön viel über das Thema wusste. So wie mein Opa auf jede Frage immer eine Antwort hatte, war ich es nun, der die Fragen Anderer mit Leichtigkeit beantworten konnte. Es gefiel mir, Menschen zu inspirie-ren, ihnen ökologische Lösungen für Schädlingsbefall nennen zu kön-nen und so nutzte ich die Socials weiter, um ein paar schöne Fotos aus meinem neuen nachhaltigen Leben zu zeigen und gleichzeitig konnte ich jenen helfen die Probleme hatten. Heute kennen mich jedenfalls die Meisten unter dem Pseudonym „Don Giardino“. Die Kombination ergab für mich einen spontanen Sinn, denn mein Opa wurde in Italien immer Don Giovanni genannt, weil er so ein Wohltäter war, und im-mer viel von seinem Gemüse an die armen Leute im Dorf verschenkte. Giardino hingegen heißt Garten auf Italienisch. Es war ein spontaner Einfall mit dem ich mich gut identifizieren konnte. Mein Opa als „Gön-ner der Samen“ und mein wunderschöner Gemüsegarten ergaben zu-sammen Don Giardino. Meine Beiträge erhielten immer mehr Akzep-tanz. Nachhaltigkeit und Gärtnern wurde eine immer coolere Sache, also zeigte ich immer mehr Bilder meiner Ernten, teilte meine Rezepte und versuchte jenen mit Tipps unter die Arme zu greifen, die noch we-nig Erfahrung im Anbau von Gemüse hatten. Es wurden täglich mehr und auch komplette Neueinsteiger konnte ich inspirieren einen Gemü-segarten anzulegen oder auf dem Balkon etwas Gemüse anzubauen. Das gab mir ein tolles Gefühl. Es ist schön Menschen mit einfachem Wissen zu etwas sinnvollem inspirieren zu können, aber das größte Problem der Sozialen Netzwerke ist, dass sie schnelllebig sind und we-sentliche Inhalte auch mal unbeachtet bleiben können. Zudem wurde der Zeitaufwand immer höher. Es wurden immer wieder dieselben Fragen gestellt, die Menschen sahen zwar die Möglichkeiten, aber das bedeutet noch lange nicht das sie wirklich wussten wie ich zu meinen Ergebnissen komme oder wieso ich dieses Projekt ins Leben gerufen habe. Immer mehr Menschen interessierten sich für meinen Garten sowie meine Lebenseinstellung, fragten mich wie ich dünge, gieße, wo die Samen herkommen, wie ich meine Nahrung haltbar mache und wollten meine Rezepte. Die vielen Antworten kosteten Zeit, die ich kaum hatte, und dennoch versuchte ich jeden zufrieden zu stellen so gut ich eben konnte. Irgendwann stellte man mir auf Twitter und auch auf Instagram die Frage, wieso ich darüber kein Buch schreiben wür-de? Ich sollte mein Wissen teilen. Tja, dass diese Frage von mir über-dacht und ernst genommen wurde kann man ja an diesen Zeilen er-kennen, aber zu dem damaligen Zeitpunkt war ich einfach noch nicht so weit. Ich hatte viel gelernt und viel Wissen von meinem Opa, aber ich konnte das Ganze noch nicht in Einklang bringen, um zu sagen das ich ein Buch schreiben würde. Ich steckte noch mitten in einem Prozess der Selbstfindung. Mir war es wichtiger Gemüse zu produzieren und noch mehr praktische Erfahrungen zu sammeln. Auch wenn ich in den sozialen Netzwerken keine Antworten zur langanhaltenden Trockenheit bekommen habe, so wurden es allerdings von Tag zu Tag mehr Men-schen die sich darüber Gedanken machten. Ich war nicht alleine, ich habe viele wundervolle Menschen kennengelernt, die so wie ich gerne im Garten Gemüse anbauten. Das gefiel mir sehr, es gab meinen Ta-ten noch mehr Sinn, es bestätigte mich weiter auf dem richtigen Kurs zu sein.


Die Saison kostete mich jedenfalls massiv Überstunden im Garten, mit so einer dramatischen Situation, die meine Ernteergebnisse bedrohte, hatte ich im Leben nicht gerechnet. Wie gesagt, in Deutschland war es extrem ungewöhnlich über mehrere Monate keinen Regen zu sehen. Ich schaffte es, alles in meinem Garten am Leben zu halten, ich lernte in einer Extremsituation Kontrolle zu behalten und die Bedrohung Klimawandel profitabel für mich auszunutzen. Mein mediterraner Gartenstil, den ich Dank meines Großvaters erlernt hatte war mir hier die größte Hilfe. Auf Sizilien waren solche Zustände die Regel und das seit Jahrzehnten, da regnete es in manchen Jahren drei oder vier Monate nicht. Das Saatgut von meinem Großvater war darauf optimiert mit wenig Wasser klarzukommen und gemeinsam mit meinen Erkenntnissen auf meinem Grund und Boden sowie meiner Klimazone verbuchte ich einen Erfolg nach dem anderen. Ich trotzte der Trockenheit, und brachte einige Hobbygärtner mit meinen Ergebnissen zum Staunen. Als im Herbst dann endlich wieder etwas Regen vom Himmel gekommen ist, feierten die Menschen in den Socials, posteten Fotos und Videos der Freude, so etwas paradoxes hatte ich in Deutschland noch nie er-lebt, aber ich war auch erleichtert und glücklich weniger gießen zu müssen.


Das Jahr neigte sich dem Ende zu und am 15. November gab es noch köstliche frische Tomaten in meinem DIY HoopHouse. Am 17. November erntete ich verrückter Weise noch eine Hand voll Erdbeeren. An einen Satz aus dem Jahr 2018 erinnere ich mich noch ganz besonders gut, er lautete „Das Jahr 2018 war ein Ausnahmejahr.“ Dieser Satz fiel in Bezug auf die Klimaerwärmung im Herbst 2018 regelmäßig in den Medien und auch von Politikern wie Frau Merkel wurde dieser Satz oft genutzt. Ich war mir da nicht so sicher! Das war alles so außergewöhnlich, so lange kein Regen in Deutschland! Im Herzen wünschte ich mir, dass es wirklich nur ein Ausnahmejahr gewesen wäre. Aber ich bin nicht der leichtgläubige Kerl, ich musste Gegenmaßnahmen einleiten, der Wassermangel war eine Warnung auf die ich reagieren musste. Ich überlegte und entschloss mich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, ein Carport mit transparentem Dach musste her. Damit wollte ich Regenwasser sammeln und gleichzeitig noch mehr meiner heiß geliebten Tomaten anbauen. Ich kaufte das Material und baute mir einen 15 qm Carport mit transparentem Dach im Zentrum meiner Anbaufläche. Anfang Dezember war der Bau abgeschlossen und effektiv umgesetzt wie ich mir das vorgestellt hatte. Nun konnte ich mehr Regenwasser sammeln, ich war gerüstet für eine weitere Dürre. (So nannte man den Sommerzustand mittlerweile.) Rückblickend war dieses Jahr sehr bewegend für mich, nicht nur die Erkenntnis das ich das Wissen meines Großvaters durch eigene Erfahrungen immer weiter ausbauen konnte und neue Erkenntnisse gewonnen hatte. Nein, dieses Jahr war auch wegen anderer Ereignisse ein ganz Besonderes. Der Klimawandel von dem Wissenschaftler Jahrzehnte lang gesprochen hatten, schien plötzlich sehr reale und bedrohliche Auswirkungen zu zeigen.


  • 7. März 2020
  • 8 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 31. Jan. 2025


Kapitel I - 2017 Projekt: Gemüsegarten

Ich hatte also viel wildes Land und eine Kiste voll mit Samen, aber eine dichte Grasnarbe machte es schier unmöglich hier schnell etwas anbauen zu können. Ganz pragmatisch dachte ich, dass es nur einen Weg geben würde um ans Ziel zu kommen: der Acker musste umgegraben werden. Bewaffnet mit Grabgabel und Spaten startete ich im März 2017 den ersten Versuch auf 1500 Quadratmeter Acker meine Beete anzulegen. Der erste Tag brachte Blasen an meinen Händen, der zweite den Muskelkater. Verzweiflung machte sich breit denn ich hatte gerade mal 20 Quadratmeter geschafft. Die Erkenntnis das ich Wochen und Monate benötigen würde machte mir schwer zu schaffen. Sollte der Traum vom Gemüsegarten bereits am Anfang scheitern? Nein, mein Wille war groß! Irgendwie musste ich vorwärtskommen, auch andere haben das geschafft, ich werde das auch hinbekommen! Ich recherchierte und fand einen Anbieter von Landwirtschaftsgeräten der Motorhacken vermietete. Ich machte einen Termin für den nächsten Tag und mietete eine 90 Kg schwere Motorhacke. Leider war das aus dem Fenster geschmissenes Geld. Die Grasnarbe war so dicht das ich mit der Motorhacke noch schlechter vorwärtsgekommen bin als mit der Grabgabel.  Frust machte sich breit, doch wenn die Verzweiflung am größten ist kommt von irgendwo ein Lichtlein daher. Ok es war kein Licht, es war ein lauter Traktor, aber der brachte mich auf eine geniale Idee. Da mein Grundstück direkt an das Grundstück eines Bauern grenzte und die Vorbesitzer dort keinen Zaun gezogen hatten, bin ich einfach zum Bauern gegangen und habe ihn gefragt ob er seinen Pflug auch durch einen Teil meines Gartens ziehen könnte. Ein grimmiges „Nein“ war seine direkte Antwort: „So etwas mache ich nicht, ich weiß ja nicht was da unter der Erde liegt, Steine könnten meine Gerätschaft beschädigen“. Aus der Traum vom schnell erledigten Job, aber das war meine einzige Hoffnung es doch noch irgendwie zeitlich zu schaffen. Also bot ich ihm Geld an: 100 Euro. Und siehe da, bling bling wurde das Gesicht des Landwirts schon freundlicher. Er sagte zu mir, ich solle jetzt 1 Stunde mit der Grabgabel probeweise die Erde umgraben um nach Steinen zu suchen. Sollte ich keine finden, würde er seinen Pflug auch durch meinen Garten ziehen. Was soll ich sagen, happy hoch zwei schnappte ich mir die Grabgabel und dann ging es auf meinem Acker voll zur Sache. Nach zwei Stunden hatte ich weitere Blasen an den Händen und keinen einzigen Stein gefunden. Der Bauer überzeugte sich selbst und dann war der große Moment gekommen: Ein Traktor im Garten, das sah echt ulkig aus! Der machte da 15 Minuten rum, und Schwups die Wupps sah der halbe Garten ganz anders aus. Ihr könnt Euch mein breites Grinsen auf den Lippen nicht vorstellen! Aber mein Nachbar, der hat mich gesehen und meinte, ich hätte wie ein Honigkuchenpferd über beide Backen gelacht und gestrahlt. Auf einmal war mein Gemüsegarten in greifbarer Nähe. Die innere Zufriedenheit, die ich verspürte war großartig. Ich wusste in diesem Moment, dass es bald losgehen könnte. In weiser Voraussicht und aufgrund einiger Bäume habe ich erstmal nur einen Teil des Gartens pflügen lassen, einen großen Teil habe ich sogar komplett wild belassen. Zum einen, weil ich extrem neugierig war, was da so an Wildpflanzen wachsen würde, und zum anderen, weil ich unmöglich im ersten Jahr 1500 Quadratmeter an Gemüseanbau geschafft hätte. Ich habe es nicht bereut, das kann ich vorweg schonmal sagen. Fasane brüteten in meinem Garten und versteckten sich regelmäßig vor den Treibjagden der lokalen Jäger. Im hohen Dickicht fanden diese Tiere Schutz und ich war stolz das so etwas wunderbares in meinem Garten passierte. Es hatte aber auch noch viele weitere Vorteile: Im Frühjahr summte und brummte es in den wilden Arealen als erstes und diverse Wildpflanzen machten mich neugierig, aber dazu erzähle ich Euch später etwas mehr.


Offiziell startete ich meinen Gemüseanbau am 17.04.2017, aus heutiger Sicht etwas zu spät, aber gibt es eigentlich ein zu spät im Gemüseanbau? Nein, es gibt für viele Kulturen ein Timing an das man sich halten sollte um optimale Ergebnisse zu erzielen, aber es gibt keinen universellen Anbauplan wann man was anpflanzen sollte, dass schonmal vorweg. Als erste Kulturen pflanzte ich Kartoffeln, Erbsen, Zwiebeln, Zucchini, Knoblauch und Dicke Bohnen direkt ins Freiland. In einem selbstgebauten Gewächshäuschenschrank wuchsen derweil die etwas empfindlicheren Kulturen wie Tomaten oder Paprika heran. Stück für Stück verwandelte sich der Acker in einen Gemüsegarten. Die erste Ernte in meinem Garten war kein Gemüse, sondern eine Wildpflanze die bei mir recht stark vertreten war und bis heute in meinem Garten willkommen ist, es war der Ackerschachtelhalm. Neugierig, was das für eine Pflanze war, informierte ich mich. Ich lernte sie vom Sumpfschachtelhalm zu unterscheiden und trocknete die Ernte Büschelweise. Die Kieselsäure im Ackerschachtelhalm ist ein Segen für menschliche sowie pflanzliche Zellen da es die Zellwände schützt und stärkt. Mit dem Ackerschachtelhalm wurde Unkraut für mich zum Beikraut das ich nutzen konnte. Unkraut darf man keine Pflanze nennen! Wir sind es, die den Nutzen oftmals nicht erkennen, aber jede Pflanze erfüllt irgendwo einen Sinn und viele (wie z.B. die Vogelmiere) schmecken sogar richtig gut. Die Gartensaison 2017 entwickelte sich fantastisch, alles wuchs auf dem frischen und ausgeruhten Boden in bester Qualität. Aus dem Grünschnitt vom Herbst war mittlerweile Kompost geworden den ich vorsorglich mit in jedes Pflanzloch gegeben habe. Die Tage und Wochen vergingen wie im Flug und plötzlich hatte ich Mitte Juni schon meine erste Zucchini-Ernte anstehen. Leute, ich war so stolz! Ich hatte es geschafft, endlich konnte ich anfangen meine Kinder und meine Familie mit ökologischer Nahrung zu versorgen. „Was für ein Segen“ dachte ich mir. Alles lief so glatt, viel harte Arbeit, ja, aber der Moment an dem Du deine ersten Erzeugnisse in den Händen hältst ist ein besonderer Moment. Der Stolz und die Freude überdauern die Ewigkeit, ein Moment den jeder Mensch genießen sollte. Es tut echt gut, es gibt dir Kraft, Motivation und Selbstvertrauen!


Das Grundstück war groß, klar dass ich da natürlich auch ordentlich Pflanzen setzen musste. Wieviel Ertrag ich bekommen würde war mir nicht klar, viele Dinge wie z.B. Kartoffeln, Möhren, Kohl oder Mais habe ich zu diesem Zeitpunkt zum ersten Mal in meinem Leben angebaut. Ich hatte in meinem ersten Garten 2008 nur wenige Kulturen wie Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch, Erbsen, Fenchel, dicke Bohnen, Artischocken, Paprika, Chilis und ein paar Kräuter, das war schon alles. Allerdings in Mengen, um ein ganzes Jahr etwas davon zu haben. Die Vielfalt an verschiedenen Gemüsesorten war jedoch dürftig. Hier war jetzt so viel mehr Platz, also fing ich an mich auszuprobieren. Samen hatte ich vom Opa satt und genug bekommen. Es wurden viele Pflanzen und schnell merkte ich das man auch dementsprechend viel Zeit im Garten verbringen muss um das alles zu pflegen. Es war also der Moment gekommen an dem man sich überlegen muss, wie man diese Aufgabe neben dem regulären Job überhaupt meistern kann. Ich habe nicht lange überlegt und war wie in einem Fluss der mich in neue Gewässer führen wollte. Mit jeder Ernte wuchs mein Selbstvertrauen das ich ein guter Gemüsegärtner bin, mit jedem Fehlschlag lernte ich etwas dazu. Ich war viel draußen in der Natur und realisierte, dass genau hier mein Herz am höchsten schlägt. Immer wenn ich vor meinem Computer saß und meinen Job machte, musste ich an meinen Garten denken. Das Jahr verging wie im Flug, am Ende der Saison hatten wir monatelang nur noch unser eigenes Gemüse gegessen, fast nichts wurde hinzugekauft. Wenn dann war es meistens Obst, weil meine jungen Bäume noch keinen oder sehr wenig Ertrag lieferten. Wir fühlten uns alle richtig gut und gesund. Während im Kindergarten ein Kind nach dem anderen krank wurde, trotzten meine zwei Kinder allen Keimen und Krankheitserregern. Dasselbe war auch bei mir und meiner Frau zu beobachten. Während alle um uns herum Erkältungen, Schnupfnasen und Grippe hatten, blieben wir verschont. Ich denke, das war ein Schlüsselmoment für mich, ich bemerkte das unsere ökologische Lebens, - und Ernährungsweise massiven Einfluss darauf hatte, ob wir krank werden oder nicht. Unser Immunsystem ist die stärkste Waffe gegen Bakterien und Viren. Kann es sein, dass unser frisches und ökologisches Gemüse auch vor Krankheiten schützt? Ja, davon bin ich mittlerweile mehr als überzeugt. Pestizide und Umweltgifte reduzieren die Leistung des Immunsystems, sie schwächen den Organismus des Menschen und in Folge dessen erhöht sich die Wahrscheinlichkeit zu erkranken. Mit den Pestiziden die uns die Industrie unterjubelt werden wir geschwächt. Die Profiteure sind dieselben Unternehmen, die auch Pestizide produzieren.  Sie sind es, die auch die Medikamente zur Behandlung vieler Krankheiten herstellen die durch Pestizide verursacht werden können. Wie der Zufall es wollte wurde zu dieser Zeit über die Verlängerung von Glyphosat gesprochen, es sollte verboten werden und stattdessen wurde es im Alleingang von einem EU-Abgeordneten und CSU-Minister weiter zugelassen.  Meine Wut war groß, ich konnte nicht verstehen wie ein Produkt das so stark in der Kritik stand weiter zugelassen werden konnte. Andererseits war ich froh, dass ich nun das Wissen hatte, um meine Familie mit pestizidfreier Nahrung zu versorgen. Während sich Befürworter und Gegner die Köpfe einschlugen, Studien und Gegenstudien die Runde machten, wurde mir schnell klar, dass ich mit meinem Öko-Gartenprojekt auf das richtige Pferd gesetzt hatte. Ich informierte mich viel, doch am Ende kam ich zu dem Entschluss, auf meinen gesunden Menschenverstand zu hören, egal was die Studien um Glyphosat behaupteten. Es kann einfach nicht gesund sein, Erde und Pflanzen mit Pestiziden zu behandeln. Das hat die Natur so nicht vorgesehen. Das kommt alles zu uns zurück, es ist ein Kreislauf in dem nur die großen Konzerne gewinnen, die auch Pestizide und Medikamente herstellen. Die einzige Lösung um aus diesem Teufelskreis zu entkommen ist der ökologische Anbau von Gemüse und Obst im eigenen Garten, denn nur dort kann man die volle Kontrolle behalten. Mit diesem Gedanken erhielt ich enormen Rückenwind mich noch weiter in die Materie einzuarbeiten, zu experimentieren und die kommende Gartensaison zu planen. Einmal pro Woche telefonierte ich mit meinem Opa, berichtete akribisch über Erfolge und Fehlschläge. Er hatte auf alles eine Antwort, eine Lösung und effektive Ratschläge. Ich merkte, dass es ihm gut tat mit mir über den Garten zu sprechen, ich holte ihn sozusagen aus seinem Krankenbett und brachte ihn in meine Traumwelt, von der ich so fasziniert war. Das machte mich stolz. Sein Wissen setzte ich um, optimierte es mit der Zeit immer weiter und erhielt fantastische Ergebnisse. Der Gedanke das ich ein Selbstversorger werden könnte spukte zum ersten Mal in meinem Kopf herum, bestätigt durch reiche Ernten und Zuspruch aus der Familie und der Nachbarschaft. Somit war der Grundstein für eine weitere Steigerung meiner Gartenaktivität gesetzt. Einhergehend mit dem Beschluss meine Gartenaktivität zu steigern, beschloss ich meine Arbeitszeit in der IT für 2018 signifikant zu reduzieren. Statt Vollzeit wollte ich 2018 nur noch Teilzeit in meiner eigenen Firma arbeiten. Die Quintessenz meines ersten Gartenjahres war im Grunde genommen realisiert zu haben das ich mit meinem Job am PC nicht mehr zufrieden war, beziehungsweise immer weniger Erfüllung verspürte. Das unsere Gesundheit durch frisches Gemüse und viel Bewegung im Garten ein Hoch erlebte, dass ich für den Gemüseanbau wahrlich ein begabtes Händchen vorzuweisen hatte und in der Lage war viel Nahrung zu produzieren ohne auf chemischen Dünger oder Pestizide zurückgreifen zu müssen. Ich konnte sogar errechnen das sich unsere Ausgaben um fast 400 Euro monatlich reduziert hatten. Die gelbe Tonne, die immer als erstes voll war wurde nur noch bis zur Hälfte gefüllt bis sie abgeholt wurde. Wir hatten Einsparungen beim Spritverbrauch, weil wir immer seltener einkaufen mussten. Viele positive Impulse bestätigten mich das sich die Mühen im Gemüsegarten auch bezahlt machten und ich auf dem richtigen Weg war meine Familie gesund ernähren zu können.


  • 6. März 2020
  • 2 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 20. Jan. 2025


Mein Selbstversorgergarten 2016 als alles angefangen hat
Mein Selbstversorgergarten 2016 als alles angefangen hat

Es gibt keinen leichten Weg seine Nahrung ökologisch und nachhaltig zu bekommen, indem man auf dem Bürostuhl sitzt. Der Bio Markt war für mich auch keine Lösung mehr, ich war bereit mir die Hände schmutzig zu machen. Ich war neugierig, ich wollte wissen wie meine Erzeugnisse so schmecken würden, ich hatte endlich den Willen mit meinem eigenen Gemüsegarten durchzustarten. Die Grundbedingungen waren geschaffen, der Wille war stark, aber der Acker noch total verwildert!


Mein erstes Ziel war es vor dem Winter zumindest das ganze Gestrüpp auf Bodenhöhe zu bringen und ein paar Obstbäume zu pflanzen. Mit einem Freischneider bewaffnet startete ich das Projekt: Urbarmachung. Mit viel Arbeit erreichte ich mein Vorhaben. Obstbäume wie Apfel, Birne, Kirsche, Pflaume, Pfirsich, Maulbeere und Edelkastanie wurden gekauft und gepflanzt, aber der Winter brach ein, ohne dass ich den Bereich für den Gemüseanbau vorbereiten konnte. Während der kalten Tage arbeitete ich viel im Haus, auch hier gab es viel zu tun und nebenbei plante ich an meinem Gartenprojekt weiter. Als mein Opa erfuhr das ich nun einen großen Garten direkt am Haus hatte, schickte er mir sein altes Saatgut mit dem er seit 50 Jahren sein Gemüse in Perma - und Mischkultur angebaut hat. Er sagte mir, dass es nun an der Zeit wäre in seine Fußstapfen zu treten. Jetzt würde ich verstehen wieso er für uns Kinder den Garten bewirtschaftete, Jahr für Jahr über 50 Jahre lang. Wie wertvoll diese Kiste mit Saatgut sein sollte habe ich mir beim besten Willen zu dieser Zeit nicht ausmalen können. Ich war super froh, genug Samen zu haben um meinen Garten planen zu können. Von samenfest, antiken Sorten, Erbstücke und deren Wichtigkeit verstand ich ehrlich gesagt noch nicht so viel. Ich war sozusagen noch recht „grün“ hinter den Ohren, aber das sollte sich schnell ändern als die ersten Resultate auf dem Tisch lagen.

 

Wie das Schicksal es so wollte, wurde mein Opa noch im selben Jahr mit 94 Jahren bettlägerig nachdem er sich den Hüftknochen gebrochen hatte. Er konnte nicht mehr in seinen geliebten Garten. Wir telefonierten oft und ich berichtete ihm von meinen Plänen und Fortschritten. Das heiterte ihn auf, aber ich spürte das mein Großvater seinen Garten sehr vermisste. Er sagte früher oft, „Eisen das bewegt wird rostet nicht“ und nun lag er da, konnte sich nicht mehr bewegen - und das bereitete mir große Sorgen.


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